Katastrophale Entwicklungen
Western? Der weiße Held, knallt Gangster und Indianer ab und am Ende kriegt er die Frau? Wer sich den einen oder anderen Western oberflächlich anschaut, der mag denken, hier ginge es um nichts anderes. Doch ganz so einfach ist es nicht: Der Western ist nicht nur sehr vielfältig, er ist auch sehr wandlungsfähig und hat über die Jahrzehnte teils eine erstaunliche Tiefe entwickelt. Wenn Ihr Euch also daran macht, einen Western zu drehen, solltet Ihr mehr zu bieten haben als den Showdown in der verlassenen Goldgräberstadt und den rollenden Steppenläufer…
Das Genre Western
Der Kampf Mann gegen Natur, dann gegen sich selbst und schließlich gegen seinen eigenen Mythos
Die Perspektive des weißen Siedlers, der unbenutztes widerspenstiges Land urbar machte und es gegen Indianer und Gesindel verteidigen musste, spiegelt sich auch im Filmgenre Western wider. In den ersten Filmen dieser Art ging es um Banditen auf der einen und ehrenwerte Männer auf der anderen Seite. Als überhaupt erster Western gilt Der große Eisenbahnraub von Edwin S. Porter (The Great Train Robbery, 1903). Der 12-minütige Film gilt als der erste „richtige“ Spielfilm, ist einfach gestrickt und damals war wohl das Herantasten an das neue Medium Film interessanter als die Tiefe der Handlung. Trotzdem war der Rahmen gesetzt: Die Bösen planen etwas, führen es durch, und die Guten sorgen für Gerechtigkeit, damit die arglose Bevölkerung ihr Leben leben kann. Die nächsten Jahrzehnte sollte das Genre damit auskommen müssen.
Dies änderte sich Ende der 30er Jahre, als der Regisseur John Ford mit seinem Film Ringo (Stagecoach, 1936) nicht nur John Wayne als Helden des Films berühmt machte, sondern auch mit der Wahl seines Drehortes den Rahmen für künftige Western setzte: Das Monument Valley in Arizona mit seiner markanten Steinwüste war der optimale Hintergrund für die Themen der Filme. Von nun an ging es nicht mehr bloß um Gut gegen Böse im Äußeren, sondern der einzelne Mensch, der Cowboy, Trapper oder Scout trat in den Vordergrund. Seine Tiefen wurde beleuchtet und der äußere Kampf gegen das Böse spiegelte sich nun auch im Innern wider. Die Einsamkeit und Ausgestoßenheit des Alleingängers wurde zum Thema und fand seine Spitze in Der schwarze Falke (The Searchers, 1956), in dem Ford seinen Helden (auch wieder John Wayne) am Ende als ebenso bedauernswert wie seine Feinde zurücklässt.
Diese Entwicklung zeichnete sich fort. Der in den 60ern entstehende Italowestern nahm die Western-Elemente auf, formte aus ihnen aber eine Art Persiflage. Die Helden, eigentlich für Gerechtigkeit eintretend, werden hier durch Habgier und Eigennutz getrieben. Die Szenen werden brutaler, blutiger, der Showdown in Form des Duells wird unausweichlich. Sergio Leone setze hier die Maßstäbe, angefangen mit Für eine Handvoll Dollar (Per un pugno di dollari, 1964), über Zwei glorreiche Halunken (Il buono, il brutto, il cattivo, 1966) und schließlich mit dem großen
Erfolg von Spiel mir das Lied vom Tod (C’era una volta il, 1968), der Charles Bronson zu Berühmtheit verhalf und Henry Fonda zum markanten Imagewechsel. Auch das Verhältnis zu Rassismus und Nationalismus wurde hier anders dargestellt, indem die Rollen der Ureinwohner oftmals ohne Klischees und Unterlegenheit dargestellt wurden.
Bei dieser Art des Western, auch Antiwestern genannt, ließen sich die Produktionen nicht selten vom japanischen Kino beeinflussen, so zum Beispiel von den Samurai-Filmen Akira Kurosawas. Dabei wurden auch Kameratechniken und Einstellungen verändert, weg vom gemäldeartigen Stil der frühen Western hin zu teils extremen Nahaufnahmen der Charaktere, und auch der Gewalt.
Auch der amerikanische Western unterzog sich einer Kur. Das Ideal des guten weißen Mannes, der für Ordnung und Gerechtigkeit sorgte, war nicht mehr zu halten. Das war auch der Zeit der 60er und den gesellschaftlichen Veränderungen während des Vietnamkrieges zu verdanken. Sam Peckinpah mit seinem Film Sacramento (1962), sowie John Ford mit Der Mann, der Liberty Valance erschoß (The Man Who Shot Liberty Valance, 1962) begannen mit diesem Umschwung und leiteten die Zeit des Spätwestern ein. Der Western wurde entmythologisiert, indem die klassischen Helden, zu Anfang noch zögerlich, mit immer mehr Problemen konfrontiert wurden, die eben nicht mit einer schwarz-weiß-Schablone zu lösen waren. In der Wechselwirkung mit dem Italowestern wurden die Helden immer mehr demontiert, bis von ihnen genauso viel übrig blieb wie von dem Mythos der glorreichen Eroberung des Westens und der Gründung der USA. Von dieser Reflexion nahmen sich auch die Schauspieler nicht aus und ihre Rollen wurden zunehmend zu Negativen ihrer früheren Arbeiten im Genre, so John Stewart und John Wayne.
Richard Brooks leistete einen großen Beitrag zur Etablierung dieses kritischeren Westerns. Bereits 1956 hatte er in Die letzte Jagd (The Last Hunt) den Rassismus gegenüber der indianischen Bevölkerung thematisiert. Ein Jahrzehnt später setzte er sich in Die gefürchteten Vier (The Professionals, 1966) mit der Darstellung des Wilden Westens in Hollywood auseinander. Das Idealistische im Western war damit endgültig verloren und die historischen Begebenheiten wurden konkretisiert.
Beide Formen des späten Western, der Italo- und der Spätwestern, ebbten in den 70er Jahren ab. Steter Beliebtheit erfreuten sich allerdings Westernkomödien wie Zwei Banditen (Butch Cassidy and the Sundance Kid, 1969) mit Robert Redford und Paul Newman. Auch der Italowestern machte dabei mit und brachte Terence Hill unter in Produktionen wie Mein Name ist Nobody (Il mio nome è Nessuno, 1973). In dieser Kategorie sind auch morderen Produktionen zu nenne wie Shanghai Noon (2000) mit Jackie Chan und Owen Wilson.
Immer wieder kamen kleinere Ableger auf, wie der Science-Fiction-Western, der zwar in der Zeit des Wilden Westens spielt, aber technische Elemente der Gegenwart oder der Zukunft beinhaltet. Hier hinein gehören frühe Filme wie Der Fluch vom Monte Bravo (The Beast of Hollow Mountain, 1956) sowie spätere wie Wild Wild West (1999) mit Will Smith.
Nicht zu verwechseln ist dieses Genre allerdings mit dem Space-Western, bei dem nicht die Technik, sondern der Lebensumstand der Charaktere eine Rolle spielt. Hier geht es um die „new Frontier“, die Grenze zum Unentdeckten. Aber auch einfach die Übertragung des Stils ist von Bedeutung, weshalb der Space-Western auch eher zur Science-Fiction gezählt wird, als zum Western. So kann auch die Star-Wars-Saga (1977-2005) teilweise als Space-Western betrachtet werden.
In Deutschland sind natürlich auch die Verfilmungen diverser Karl-May-Romane bekannt, so Der Schatz im Silbersee (1962). Sie werden in den USA als Eurowestern bezeichnet und haben international kaum Einfluss gehabt.
Doch auch der amerikanische klassische Western setzte sich fort. Der kritische Western und der Drang, die Fälschungen des frühen Western (sowie auch neuere Rückfälle in alte Schemata) richtigzustellen, ließen sich nicht unterkriegen. Clint Eastwood deutete 1992 in seinem eigenen Film Erbarmungslos (Unforgiven) eindrucksvoll darauf hin. Doch schon zuvor hatte Kevin Kostner in Der mit dem Wolf tanzt (Dances with Wolfes, 1990) einen neuen Blickwinkel vermittelt, der die indianische Kultur und das Unheil der Einwanderung ins Zentrum rückte. Er ist der bis heute kommerziell erfolgreichste Western der Filmgeschichte. Im neuen Jahrtausend folgten immer wieder Western, die noch als Spätwestern bezeichnet werden, als letzter erfolgreicher Film kam Ethan und Joel Coens True Grit (2010) in die Kinos. Stets wird sich dabei mit den dunklen Seiten des Wilden Westens auseinander gesetzt. Und nachdem der Rassismus der frühen Jahre oft schon Thema war, kam im Jahr 2011 auch ein Film, der die Rolle der Frau, oftmals einfach nur Beiwerk zum Mann im Western, eingehend beleuchtet, in Meek's Cutoff von der Regisseurin Kelly Reichardt.
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